Warenkreditversicherung: 5 wichtige Fakten für Treasurer

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

In Krisenzeiten rückt das Risikomanagement in den Fokus des Treasury. Ausfall- und Liquiditätsrisiken zu steuern wird dann zur Königsdisziplin für die Finanzabteilung. In der aktuellen Coronakrise trifft dies ganz besonders auf Risiken entlang der Lieferkette zu. Schließlich sorgen wiederkehrende Lockdowns, Grenzschließungen sowie die Furcht vor Insolvenzwellen in vielen Branchen für Verunsicherung.

Ein wichtiges Instrument zur Steuerung von Lieferkettenrisiken ist die Warenkreditversicherung. DerTreasurer fasst die wichtigsten Fakten zur Delkredere-Versicherung, wie das Tool auch genannt wird, zusammen.

Info

Dieser Artikel ist erstmals am 7.4.2021 erschienen und wird regelmäßig aktualisiert. Die letzte Überarbeitung stammt von 07.01.2021

Fakt 1: So funktioniert eine Warenkreditversicherung

Mit einer Warenkreditversicherung (WKV) schützen sich Lieferanten für den Fall, dass ein Kunde seine Rechnungen nicht begleichen kann. Bei Forderungsausfällen oder Zahlungsverzögerungen springt der Kreditversicherer ein und begleicht die Rechnung, sodass dem Unternehmen kein Schaden entsteht. Versicherungsnehmer ist also der Lieferant: Er handelt mit dem Versicherer eine Deckung aus und zahlt dafür eine Prämie, die sich unter anderem an der Branche und der Abnehmerstruktur orientiert.

Relevant für das sogenannte Kreditlimit, bis zu dem Lieferungen versichert werden, ist allerdings die Bonität des Abnehmers. Der Versicherer bewertet diese anhand von öffentlich verfügbaren Informationen wie Quartalszahlen und Geschäftsberichten, Daten von Wirtschaftsauskunfteien und eigenen Zahlungserfahrungen. Eine direkte Geschäftsbeziehung zum Abnehmer gibt es also nicht. Wenn dieser selbst eine WKV nutzt, sind damit andere Abteilungen betraut. Das sorgt nicht selten für Frustration bei Unternehmen, deren Limite gesenkt werden, ohne dass eine Kommunikation erfolgt.

Alles zum Thema

Warenkreditversicherung

Warenkreditversicherungen können ein wichtiges Kriseninstrument sein. Auf unserer Themenseite finden Treasurer alle wichtigen Informationen.

Zur Übersicht

Neben der WKV, die das kurzfristige Forderungsausfallrisiko abdeckt, gibt es noch eine zweite Spielart: die Kautionsversicherung (KTV). Sie adressiert das mittel- und langfristige Risiko etwa im Projektgeschäft. Versicherer übernehmen Bürgschaften oder Garantien, die für den Abschluss eines Geschäfts erforderlich sind.

Fakt 2: Die Alternativen zu einer Warenkreditversicherung

Unternehmen, die keine Warenkreditversicherung abschließen oder ihre Abhängigkeit von Versicherern senken wollen, sollten sich Alternativen überlegen. Um das Risiko des Forderungsausfalls zu managen, könnte eine Option sein, den Abnehmern generell kein Zahlungsziel zu gewähren, also auf Vorkasse zu bestehen. In der Praxis ist so ein pauschales Vorgehen dagegen meist nur in Einzelfällen umsetzbar, für kleinere Lieferanten mit einer geringen Marktmacht gegenüber ihren Kunden ist es nahezu unmöglich.

Eine andere Variante ist die Absicherung über Avale, die allerdings den Nachteil bergen, das Kreditlinien bei Banken belegt werden.

„Unternehmen, die über ein professionelles Debitorenmanagement verfügen, können bessere Konditionen mit ihren Warenkreditversicherern verhandeln.“

Ebenfalls denkbar ist, dass Unternehmen ein eigenes Debitorenmanagement aufbauen, um die Bonität der Abnehmer zu bewerten und Zahlungsziele entsprechend zu steuern. Diesen Ansatz wählt etwa der Chemiekonzern BASF. Die Ludwigshafener haben ein Tool entwickelt, um mit Hilfe von künstlicher Intelligenz die Kreditrisiken ihrer – häufig kleineren – Kunden automatisiert zu bewerten. Dafür erhielt das Treasury von BASF 2020 die Auszeichnung zum „Treasury des Jahres“.

In der Praxis dürften die verschiedenen Spielarten zur Absicherung des Forderungsausfallrisikos oft einhergehen. Schließlich hilft es, das gesamte Toolset zu nutzen: So können etwa Unternehmen, die über ein professionelles Debitorenmanagement verfügen oftmals auch bessere Konditionen mit ihren Warenkreditversicherern verhandeln.

Fakt 3: Warenkreditversicherung trifft die Finanzierung

Die Warenkreditversicherung ist mehr als nur ein Instrument für das Risikomanagement in der Lieferkette. Sie kann auch ganz unmittelbare Folgen für die Finanzierung des Unternehmens haben. Das gilt insbesondere dann, wenn das Unternehmen ein aktives Working Capital Management mit Hilfe von Finanzierungslösungen betreibt. So knüpfen beispielsweise Factoring-Gesellschaften den Ankauf von Forderungen in aller Regel an das Bestehen einer Warenkreditversicherung. Dabei kann der Factoring-Kunde selbst eine Versicherung abschließen – oder die Factoring-Gesellschaft übernimmt dies nach Ankauf der Forderungen. Unversicherte Forderungen werden dagegen selten finanziert.

Hinzu kommt, dass Entscheidungen von Warenkreditversicherer als Frühwarnindikator für andere Kreditgeber dienen: Wenn ein Versicherer Limite für einen Abnehmer massiv senkt oder gar streicht, löst das nicht selten eine Kettenreaktion anderer Gläubiger aus, die in der Insolvenz eines Unternehmens münden kann. Nach dem Motto: Wenn ein Unternehmen mutmaßlich nicht mehr in der Lage ist, seine Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen zu bezahlen, wie düster sieht die finanzielle Situation dann für mich als Fremdkapitalgeber aus? 

Alles zum Thema

Working Capital

Unternehmen können durch ein optimales Working Capital Management enorme Potentiale heben. Wie das klappt, erfahren Sie auf unserer Themenseite.

Zur Übersicht

Fakt 4: Die größten Spieler am WKV-Markt

In Deutschland gibt es einen klaren Marktführer bei Warenkreditversicherungen: Knapp die Hälfte der Deckungszusagen über rund 400 Milliarden Euro entfällt auf Euler Hermes, die der Versicherungskonzern Allianz 2018 komplett übernommen hatte. Auf Rang 2 folgt der Kölner Kreditversicherer Atradius, gefolgt von der Mainzer Coface, dessen Mutter in Frankreich sitzt.

Im deutlich kleineren Markt für Kautionsversicherungen hat Euler Hermes ebenfalls eine wichtige Stellung. Hier ist der Markt mit Anbietern wie Ergo, Zurich, Swiss Re, Axa, VHV und R+V allerdings breiter aufgestellt. Die genossenschaftliche R+V, einer der dominierenden Player bei Kautionsversicherungen, versucht derzeit auch seine Marktanteile bei WKV auszubauen

Fakt 5: Schutzschirm ist ausgelaufen

Dass R+V seine Marktanteile ausbauen will, ist auch eine Reaktion auf die neuen Dynamiken in Folge der Coronakrise: Marktführer Euler Hermes hatte im August 2020 mit seiner Entscheidung, Limite für schwache Bonität an das Bestehen eines staatlichen Schutzschirms für Warenkreditversicherungen zu knüpfen, für viel Ärger gesorgt – und damit Raum für wachstumsorientierte Wettbewerber geschaffen.

Im Juni 2021 ist der Schutzschirm für Warenkreditversicherungen ausgelaufen. Der Schirm wurde zunächst im April 2020 aufgespannt, um Lieferketten zu schützen. Demnach übernahm der Staat Schäden bis zu 30 Milliarden Euro. Im Gegenzug verpflichteten sich die Kreditversicherer, Deckungszusagen und Limite für von der Pandemie betroffene Unternehmen aufrechtzuerhalten. Zunächst galt die Regelung bis Ende 2020, dann wurde sie um ein weiteres halbes Jahr bis zum 30. Juni 2021 verlängert. Jetzt ist sie wie im April verabredet ausgelaufen.

Die Kreditversicherer hatten sich darauf in den vergangenen Wochen intensiv darauf vorbereitet, schließlich mussten sie Risiken nun wieder vollständig selbst tragen. Limitkürzungen im großen Stil gab es zum Ende des Schutzschirms offenbar nicht, wie Makler berichten. Einzelne, besonders von der Pandemie betroffene Unternehmen hätten aber mit sinkenden oder gar komplett gestrichenen Limiten zu kämpfen.

Doch die Pandemie ist für Kreditversicherer nicht beendet: Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) rechnet für 2022 mit bis zu 17.000 Unternehmenspleiten. Damit würde die Zahl der Insolvenzen erstmals seit 2009 wieder steigen. 

Als besonders reich an Risiken sehen die Kreditversicherer derzeit die Automobilbranche. Zum einen führe der Mangel an Mikrochips zu Milliardeneinbußen bei den Zulieferern. Zum anderen müssen sie wegen des Wandels hin zur Elektromobilität massiv investieren. Doch Risiken ziehen sich durch fast alle Branchen, nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie oder zunehmender Cyberkriminalität.