Überraschung 1: Ukraine-Krieg fordert Treasurer heraus
2022 war bewegt. Die größte negative Überraschung des Jahres war wohl der Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar. Noch wenige Tage zuvor tagte der Beirat von DerTreasurer in seiner jährlichen Sitzung. Niemand wollte aber wahrhaben, dass es zu einer Invasion kommen könnte. Ein Krieg schien schwer vorstellbar. Doch bis heute fordert er die Außenpolitik der Europäischen Union in besonderem Maße heraus und verursacht weiterhin viel menschliches Leid.
Die Folgen für die Unternehmensfinanzen ließen nicht lange auf sich warten. Rasch wurden mehrere Sanktionspakete beschlossen, einige Unternehmen verkündeten ihren Rückzug aus Russland. Die russische Regierung wiederum beschloss erst die Drosslung der Gaslieferungen und dann den vollständigen Gaslieferstopp im September. Da sich die Ereignisse überschlugen, setzten wir einen Ukraine-Ticker auf, in dem wir bis heute alle Drehungen und Wendungen festhalten, die für Treasurer relevant sind – unser meistgeklickter Artikel des Jahres.
Der Krieg wirkte sich speziell auf den Zahlungsverkehr aus. Die Sanktionen der EU gegen Russland schränkten den Zahlungsverkehr mit Russland stark ein. Einige russische Banken wurden etwa vom Nachrichtendienst Swift ausgeschlossen. Trotzdem erklärten einige Banken gegenüber DerTreasurer, dass Überweisungen nach Russland teilweise noch durchgeführt werden. Allerdings sind Überweisungen nur an nicht-sanktionierte russische Banken möglich.
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Überraschung 2: Energiepreisschock trifft Unternehmen
Aus dem Krieg wurde schließlich eine europäische und vor allem eine deutsche Energiekrise – oder besser gesagt eine Energiepreiskrise. Bald wurde klar, dass der Gaskonzern Uniper auf Rekordhilfen vom Staat angewiesen sein wird. Die Überbrückungsfinanzierung des Mehrheitseigners Fortum und die Kredite der KfW reichten lange nicht mehr aus. Erst in dieser Woche stimmten die Aktionäre der Verstaatlichung Unipers zu.
Mittlerweile hat sich auch der Leipziger Gaskonzern VNG mit dem Bund auf Ausgleichzahlungen geeinigt. Andere Unternehmen fragten mit den galoppierenden Energiepreisen verstärkt Hedging-Instrumente nach, besonders die Absicherung von Rohstoffpreisen spielte eine größere Rolle, berichteten Banken.
Überraschung 3: Zinswende lässt Finanzierungskosten explodieren
Da die Inflation quasi galoppierte, vollzog sich in Windeseile eine Zinswende, die die Finanzierungskosten bereits im Frühjahr enorm steigen ließ. Mit dem ersten Zinsschritt der EZB gleich um 0,5 Prozentpunkte am 21. Juli 2022 stellt das Ende der Niedrigzinsphase eine der Überraschungen des Jahres dar. Im vergangenen Sommer hob die Zentralbank die Zinsen erstmals seit einem Jahrzehnt an und beendete in einem Zug die Existenz negativer Beträge unter den Leitzinsen.
Auch der Einlagensatz der Zentralbank, der in der Folge zu den sogenannten Verwahrentgelten geführt hatte, stieg an dem Tag auf 0 Prozent. Seitdem hat die EZB die Zinsschraube in mehreren Schritten weiter nach oben gedreht. In der vergangenen Woche folgte der jüngste Schritt. Inzwischen liegt der Leitzins bei 2,5 Prozent und der Einlagensatz bei 2 Prozent. Festgehalten sind die Entwicklungen immer in unserem Zinswende-Ticker.
Die Europäische Zentralbank will mit den Zinsschritten die Inflation bekämpfen, die unter anderem durch den Ukraine-Krieg enorm in die Höhe geschossen ist. Für Treasurer kommt damit neben der geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheit auch ein volatileres Umfeld bei der Finanzierung auf. Nachdem in den vergangenen Jahren an vielen Märkten aus Corporate-Sicht Traumbedingungen herrschten, ziehen nun die Finanzierungskosten an und Investoren und Banken werden risikoscheuer. Gerade Unternehmen mit weniger guten Bonitäten kann das empfindlich treffen.
„Treasurer müssen sich in Sachen Finanzierung auf ein neues Umfeld einstellen.“
In dieser Gemengelage ist zudem der Faktor Mensch nicht zu unterschätzen: Nach einem Jahrzehnt im Niedrigzinsumfeld gibt es auch an Schlüsselpositionen der Treasury-Abteilungen viele, die in ihrem bisherigen Berufsleben nur sinkende Zinsen erlebt haben. Sie müssen sich nun in Sachen Finanzierung auf ein neues Umfeld einstellen.
Überraschung 4: Treasurer gefragt wie nie
Tatsächlich sind in diesem Umfeld Treasurer gefragt wie nie zuvor. Das hat unsere Auswertung der Stellenanzeigen ergeben. Im ersten Halbjahr 2022 registrierte DerTreasurer im deutschsprachigen Raum 292 öffentlich ausgeschriebene Stellen. Das waren sogar mehr Jobinserate, als die DerTreasurer-Redaktion in den Jahren bis 2020 in einem gesamten Jahr verzeichnet hatte.
Ganz unerwartet kam diese Nachfrage nicht. Schon im Vorjahr hatte die Statistik mit 243 offenen Stellen zwischen Januar und Juni 2021 einen neuen Rekord verzeichnet. Dass sich dieser Trend so stark fortsetzen würde, war aber nicht ausgemacht. Auch im Gesamtjahr 2022 dürfte ein neuer Rekord vermeldet werden.
„Der Fachkräftemangel hat das Treasury erreicht.“
Themen wie Risikomanagement, Finanzierung, Liquiditäts- und Cash Management sind in Krisenzeiten extrem gefragt. Und geeignete Kandidaten Mangelware – der Fachkräftemangel hat auch das Treasury erreicht.
Überraschung 5: Zahlungsverkehr erstaunt mit zwei Entwicklungen
Im Bereich Zahlungsverkehr gab es gleich zwei spannende Entwicklungen. Eine davon war die Verschiebung von ISO 20022. Swift wollte ursprünglich bereits am 21. November für den Interbankenzahlungsverkehr die Migrationsphase auf das Format ISO 20022 starten. Nun soll es am 20. März 2023 losgehen, wie Swift Ende Oktober verkündete. Bei der Migration geht es um eine Umstellung von MT auf XML bei grenzüberschreitenden Zahlungen. Nach dem Start soll es eine Übergangszeit bis November 2025 geben, in der beide Formate genutzt werden können.
Grund für die Verschiebung war, dass auch die Modernisierung des europäischen Zahlungsverkehrssystem Target2 von der EZB nach hinten verlegt wurde. Über Target2 wickeln Banken sämtliche Zahlungs- und Wertpapiertransaktionen in Europa ab. Beide Projekte sollten zusammen beginnen, Target2 wurde aber wegen unzureichender Vorbereitung auf den 20. März 2023 verschoben, woraufhin auch Swift den Termin verlegte.
Eine weitere Überraschung war, dass die EU-Kommission mit konkreten Regeln das Thema Instant Payments voranbringen will. So wurde im Oktober bekannt, dass es für Banken verpflichtend werden soll, für den Euro-Zahlungsverkehr Instant Payments ebenso wie klassische Sepa-Überweisungen anzubieten. Das betrifft zum Beispiel die Gebühren für Überweisungen. Diese Regulatorik ist wichtig und wurde in der Vergangenheit von Treasurern häufig gefordert. Ein weiterer wichtiger Schritt für den Erfolg von Instant Payments ist nun, dass auch die Treasury-Systeme in Echtzeit Daten verarbeiten können und sich mehr Business Cases entwickeln.
Überraschung 6: Der Softwaremarkt unruhig wie lange nicht
Der Markt für Treasury-Software war in den vergangenen Jahren schon unruhig sowie von Fusionen und Akquisitionen geprägt. Wer glaubte, dass das 2022 anders werden würde, sah sich getäuscht. Die TMS-Anbieter boten der Redaktion viel Stoff für Artikel.
Zum verließen den Anbieter Coupa viele Mitarbeiter aus der Bellin-Ära. Hintergrund: Vor mehr als zwei Jahren hatte der US-Anbieter Coupa den deutschen TMS-Platzhirsch Bellin übernommen. Aus dem auf Treasury fokussierten lokalen Anbieter wurde unter der Coupa-Ägide ein integrierter internationaler Player – nicht nach dem Geschmack jedes Bellin-Kunden. Zu guter Letzt wurde auch Coupa als Ganzes an einen Finanzinvestor verkauft.
Aber das war bei weitem nicht alles aus dem Software-Markt: Im Sommer vermeldeten wir exklusiv, dass sich der langjährige Serrala-Boss Sven Lindemann aus dem Vorstand in den Aufsichtsrat zurückzieht. Der Anbieter Litreca wurde von Main Capital Partners übernommen, und Stéphanie Kliner stieg zur neuen Vorständin auf.
Zuletzt machte auch noch der Anbieter Kyriba durch personelle Unruhen auf sich aufmerksam. Der Deutschland-Statthalter Andreas Karthaus hat das Unternehmen verlassen. Die Nachfolge ist noch nicht völlig klar geregelt. Wie Kyriba das Deutschlandgeschäft künftig weiterführt, ist noch offen.
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Info
Die Autoren sind Eva Brendel, Antonia Kögler, Markus Dentz und Sarah Backhaus.

